Venöse MS Hypothese | CCSVI – Eine Einführung

Chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI) ist ein von Prof. Zamboni (Ferrara, It) 2008 eingeführter Krankheitsbegriff. [zamboni09b] Dieser steht für eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit der Venen im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks. Damit gemeint ist ein gestörter Blutfluss in den Venen, die das Blut von Gehirn und Rückenmark zum Herz hin ableiten, d.h. im Kopf-, Hals- und Brustbereich.

CCSVI Hypothese

Prof. Zamboni stellte die Hypothese eines Zusammenhangs von CCSVI und MS auf. Die vorgeschlagene venöse Hypothese der MS beruht darauf, dass das venöse Blut Probleme hat, aus dem Gehirn wieder zurück zum Herzen zu fliessen. Ursache sei zum Beispiel eine Stenose ("Blockierung") der Vena azygos oder der Vena jugularis interna (innere Drosselvene), die beide das Blut aus dem Gehirn und dem oberen Rückenmark ableiten. Es käme zu einem Rückstau und damit zu einem Ödem um die Hirnvenen herum. Dabei käme es zu perivenösen Eisenablagerungen und Fibrinmanschetten, wobei vermutlich auch die Blut-Hirn-Schranke in Mitleidenschaft gezogen würde. [simka09] Daraus resultierten die für MS typischen Entzündungen in Gehirn und Rückenmark, die das Nervengewebe schädigen und die vielfältigen MS-Symptome hervorrufen. Nach dieser Hypothese ist also die CCSVI ein entscheidender Faktor in der Entstehung der Multiplen Sklerose.

Als Vorbild für CCSVI diente die chronisch venöse Insuffizienz (CVI) bei den Beinen, einem Stauungssyndrom infolge von Abflussbehinderungen. [zamboni06] Krampfadern sind ein Zeichen von CVI. CVI kommt interessanterweise bei Frauen doppelt so häufig vor wie bei Männern.

Neben CCSVI wurden weitere Hypothesen zu MS, die eine mögliche Ursache von MS im venösen System sehen, aufgestellt.

Forschung

Es wurden bereits erste Pilot-Studien durchgeführt. Einige dieser Studien zeigen eine Verbindung, andere verneinen eine solche. Die bisherigen wissenschaftlichen Publikationen lassen noch keine gesicherten Schlüsse zu. Zudem wurde in der Medizin bisher angenommen, dass das cerebrospinale venöse System durch die verschiedenen Abflussmöglichkeiten "robust" und nicht krankheitsverursachend sein kann. Deshalb gibt es wenig Wissen für diesen Bereichs des Körpers und auch noch keine etablierte Methodik und keine eigentlichen Fachspezialisten.

Weltweit werden von unterschiedlichen Gruppen verschiedene Studien durchgeführt. Erwähnenswert dabei ist die grosse CTEVD Studie mit 1700 Patienten und Kontroll-Personen des Jacobs Neurological Institute in Buffalo, USA unter der Leitung von Prof. Robert Zivadinov. Die Studie dauert zwei Jahre und die Publikation der Resultate ist bis Ende 2011 zu erwarten (siehe klinische Studien). Die kanadischen und amerikanischen MS-Gesellschaften haben mehrere Forschungsprojekte zu CCSVI und MS gestartet. 

Offene Fragen sind:

  • Sind die bei CCSVI gefunden venösen Veränderungen krankheitsverursachend oder sind es unrelevante anatomische Variationen eines gesunden Systems?
  • Welches ist das beste CCSVI-Diagnoseverfahren?
  • Wie ist der Zusammenhang von CCSVI und MS?
  • Wie ist der Einfluss des venösen Systems auf MS?
  • Was ist der Einfluss der venösen Eingriffe auf die Multiple Sklerose? Zurückbildung der Symptome, Stabilisation oder kein Einfluss?

Die Forschung zu CCSVI und MS ist noch in den Anfängen und es bedarf weiterer Anstrengungen zur Klärung dieser für die Betroffenen wichtigen Fragen.

Geschichte

Einer der ersten MS-Forscher, Dr. Eduard Rindfleisch, stellte 1863 fest, dass sich im Zentrum der für MS typischen Plaques in Gehirn und Rückenmark jeweils eine kleine Vene befindet. In den 1930er Jahren vertrat Dr. Putnam in den USA die Ansicht, es gebe einen Zusammenhang zwischen venösen Obstruktionen und MS. Seine Behandlungsversuche mit Blutverdünnern blieben aber erfolglos. In den 1980er Jahren hypothetisierte Dr. Schelling erneut auf einen venösen Zusammenhang. Vergebens kämpfte er an Kliniken in vielen Ländern Europas darum, dass der Zusammenhang weiter erforscht würde – zu dieser Zeit hatte sich bereits die Autoimmun-Hypothese zur Entstehung der MS durchgesetzt, obwohl diese heute noch, nach Jahrzehnten und Milliarden von Forschungsgeldern, unbewiesen ist. Seit der MS-Erkrankung seiner Frau beschäftigt sich Prof. Dr. Zamboni, ein Gefässspezialist (Angiologe) und Klinikleiter in Ferrara, Italien, mit MS und untersuchte erneut auf eine venöse Verbindung. Ende 2009 wurde über Zambonis Erkenntnisse im kanadischen Fernsehen berichtet. Dadurch wurde auf einen Schlag eine grosse Zahl an Betroffenen auf die Theorie aufmerksam. Es formierten sich Aktionsbündnisse von Patienten, zeitgleich entstand vor allem in der neurologischen Fachwelt erheblicher Widerstand. Aufgrund des grossen Patienteninteressens sind nun verschiedene Forschungsprojekte zur Untersuchung der venösen MS-Hypothese gestartet worden.

Untersuchung und Behandlung

Zur Untersuchung von CCSVI stehen verschiedene bildgebende Verfahren zur Verfügung: Doppler-Ultraschallsonografie, Katheter-Venographie und verschiedene Magnetresonanztomografie-Sequenzen (MRT oder MRI). Diese Verfahren haben verschiedene Vor- und Nachteile. Allen diesen bildgebenden Verfahren ist gemeinsam, dass die Ergebnisse interpretiert werden müssen. Unterschiedliche Personen können also beim gleichen Bild zu verschiedenen Meinungen kommen und Fehlinterpretationen sind möglich. Es ist auch möglich, dass zwei unterschiedliche Verfahren bei der gleichen Person widersprüchliche Resulate liefern.

Prof. Zamboni hat für CCSVI fünf Kriterien ("Zamboni-Kriterien") für Doppler-Ultraschallsonografie definiert, wovon zwei gleichzeitig vorliegen müssen. Die Doppler-Ultraschallsonografie ist ein nicht-invasives Verfahren. Die Katheter-Venographie wird als das genauste Verfahren angesehen. Mittels Röntgenstrahlen wird ein eingesetztes Kontrastmittel angezeigt. Es ist somit ein minimal-invasives Verfahren. Angiographie und Venographie sind MRI-Verfahren zur Darstellung der Blutgefässe. Die SWI-MRI Sequenz kann das venöse Gefässsystem und Eisenablagerungen ohne Kontrastmittel darstellen.

Der Stellenwert und die Aussagekraft der verschiedenen Verfahren zur Untersuchung von CCSVI ist Gegenstand der Forschung.

Zum aktuellen Zeitpunkt sollten Untersuchungen und Behandlungen nur im Rahmen von guten wissenschaftlichen Studien stattfinden. Das Ziel sollte der möglichst schnelle Erkenntnisgewinn für CCSVI und MS sein.

Weitere Informationen sind auf der Seite Persönliche Untersuchung/Behandlung zu finden.

Kritik

Etablierte Neurologen kritisieren CCSVI heftig und bezeichnen CCSVI als wissenschaftlich nicht haltbar (siehe DGN). Praktisch alle CCSVI-Kritiker sind Vertreter der konkurrierenden Autoimmun-Hypothese und geben Interessenkonflikte aufgrund finanzieller Verbindungen mit gewinnorientierten Pharmaunternehmen an. Den Stellenwert und die Motivation dieser Kritik ist somit schwierig abzuschätzen.

Aufgrund des grossen Patienteninteresses wurden verschiedene CCSVI-Behandlungszentren für MS-Patienten eröffnet, die bereits operative Eingriffe anbieten, teilweise sogar mit Stents, ohne dass eine ausreichende wissenschaftliche Basis für diese Eingriffe vorhanden ist. Diese "vorschnellen" Behandlungen könnten der wissenschaftliche Abklärung der venösen MS-Hypothese schaden.

Fazit

Die venöse MS Hypothese und CCSVI sind interessante Forschungsansätze zur nach wie vor ungeklärten MS-Ursache, die alternative Ideen verfolgen und es wert sind, dass diese erforscht werden.

Hinweis

Diese Einführung habe ich als MS-Betroffener nach bestem Wissen und Gewissen zu schreiben versucht. Zu konkreten medizinischen Fragen solltest Du eine Fachperson fragen.