Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat am 17. September ein Pressemitteilung zu CCSVI veröffentlicht. Diese Stellungnahme ist unausgewogen und qualifiziert die CCSVI-Theorie zum jetzigen Zeitpunkt als wissenschaftlich nicht haltbar.
Gegenargumentation
zur Pressemitteilung der DGN „Neurologen warnen vor gefährlicher
Therapie bei Multipler Sklerose“ vom 17.09.2010
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat am 17. September ein
Pressemitteilung zur CCSVI-Behandlung und -Theorie veröffentlicht.
Wir möchten auf folgende Punkte hinweisen:
Allgemein
bilden die darin getroffenen Aussagen ausschließlich Meinungen ab, die
eine einseitige Betrachtungsweise erkennen lassen - auch nach
wissenschaftl. Maßstäben. Durch die gewählte Formulierung entsteht
jedoch der Eindruck, dass es sich um evidenzbasierte
Forschungsergebnisse handelt.
Dem ist nicht so, vielmehr müssen
einige Aussagen unter Betrachtung aller verfügbaren Daten und Fakten als
objektiv falsch angesehen werden. Im folgenden werden diese Fehler
besprochen:
Wir
möchten Sie bitten, sich neutral und unvoreingenommen mit dem Thema
CCSVI zu befassen, bevor sie Informationen dazu weitergeben oder
veröffentlichen. Auf der Rückseite finden Sie eine Einleitung zu dem
Thema CCSVI.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Verfasser: Cah (Realname kann beim Verfasser unter cah@csvi-ms.net erfragt werden.)
DGN Pressemitteilung:
Neurologen warnen vor gefährlicher Therapie bei Multipler Sklerose
(17. September 2010) Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie warnt vor sinnlosen und
gefährlichen Gefäßeingriffen bei Multiple‐Sklerose‐Patienten, die derzeit auch in
Deutschland gegen privates Honorar angeboten werden. Die Eingriffe beruhen auf einer
wissenschaftlich nicht haltbaren Theorie des italienischen Arztes Paolo Zamboni zur
Entstehung der Krankheit, kritisieren führende Neurologen. Es seien bereits Todesfälle
bekannt geworden. Hintergrund der Kritik ist die so genannte „venöse Stauungshypothese“
der Multiplen Sklerose, die unter Fachleuten und in Patientenforen auch als chronisch
cerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI) heftig diskutiert wird und offenbar immer mehr
Anhänger findet. „Nach unserer Meinung gibt es für diese Hypothese keine ausreichenden
Beweise, und es gibt erst recht keinen Grund dafür, den vermeintlichen Gefäßstau in einem
so genannten Liberation Treatment für mehrere Tausend Euro beseitigen zu wollen“, so MSExperte
Professor Hans‐Peter Hartung aus Düsseldorf, der dazu auf der Neurowoche 2010 in
Mannheim neue Erkenntnisse präsentieren wird. Die Neurowoche ist mit mehr als 6000
Teilnehmern der größte neuromedizinische Kongress in Europa.
Rückseite der Gegenargumentation:
Venöse Multiple Sklerose / CCSVI - Eine Einführung
Das Krankheitsbild CCSVI
CCSVI steht für „chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz“, d.h. eine Funktionsschwäche der Venen im Bereich des Gehirns und Rückenmarks. Betroffene dieses 2009 von der Int. Union der Phlebologen (IUP) anerkannten Krankheitsbilds haben einen gestörten Blutfluss in den Venen, die das Blut von Gehirn und Rückenmark zum Herz hin ableiten (d.h. im Hals- und Brustbereich). Forschungen der Teams von Dr. Zamboni, Dr. Zivadinov und anderen zeigen, dass die CCSVI stark mit MS in Verbindung steht. Im Oktober wird Dr. Simka (Polen) auf dem ECTRIMS-Kongress eine Studie mit 381 MS-Patienten vorstellen, in deren Rahmen er bei 97,1% der MS-Patienten Venenverengungen festgestellt hat.
Die Hypothese über CCSVI in MS
Dr. Zamboni hat postuliert und durch eigene Studien untermauert, dass es durch den gestörten Blutabfluss im Bereich des Gehirns und Rückenmarks dort zu Eisenablagerungen käme und/oder zu einer Störung der Blut-Hirn-Schranke. Daraus resultierten die für MS typischen Entzündungen in Gehirn und Rückenmark, die das Nervengewebe schädigen und die vielfältigen MS-Symptome hervorrufen. Nach dieser Hypothese sei also die CCSVI ein entscheidender Faktor in der Entstehung der Multiplen Sklerose.
Bisher ist Dr. Zambonis Hypothese noch nicht durch weitere Studien stichhaltig bestätigt oder widerlegt worden. Diese wurden nun begonnen oder sind in Vorbereitung: Allein in den USA und Kanada werden mind. elf Studien zur CCSVI durchgeführt, sieben davon unterstützt durch die dortigen nationalen MS-Gesellschaften. In der ganzen Welt kommen weitere hinzu, dazu steigt beinah täglich die Zahl der Ärzte, die die Theorie für plausibel halten.
Die Geschichte der venösen MS
Dr. Zambonis Theorie wird von den Gegnern gern als Einzelmeinung bezeichnet. Dabei ist sie nicht neu, sondern folgt wissenschaftlichen Vorstellungen, die 170 Jahre zurückreichen – bis zur den ersten Beschreibungen der MS. Schon einer der ersten MS-Forscher, Dr. Eduard Rindfleisch, stellte fest, dass sich im Zentrum der für MS typischen Plaques in Gehirn und Rückenmark jeweils eine kleine Vene befindet. In den 1930er Jahren vertrat Dr. Putnam in den USA die Ansicht, es gebe einen Zusammenhang zwischen venösen Obstruktionen und MS. Seine Behandlungsversuche mit Blutverdünnern blieben aber erfolglos. In den 1980er Jahren stieß Dr. Schelling erneut auf einen venösen Zusammenhang. Vergebens kämpfte er an Kliniken in vielen Ländern Europas darum, dass der Zusammenhang weiter erforscht würde – zu dieser Zeit hatte sich bereits die Autoimmun-Hypothese zur Entstehung der MS durchgesetzt, obwohl diese heute noch, nach Jahrzehnten und Milliarden von Forschungsgeldern, unbewiesen ist.
Seit der MS-Erkrankung seiner Frau beschäftigt sich Prof. Dr. Zamboni, ein angesehener Gefäßspezialist (Angiologe) und Klinikleiter in Ferrara, Italien, mit MS und stieß erneut auf die venöse Verbindung. Mit Hilfe von modernen bildgebenden Methoden konnte er mit seinem Spezialisten-Team bei MS-Patienten Verengungen der Vena azygos und der Vena jugularis interna (innere Drosselvene) diagnostizieren.
Dr. Zamboni hat also nichts anderes getan, als eine alte Hypothese mit modernen Mitteln zu überprüfen – ein Vorgang, der mit den üblichen wissenschaftlichen Verfahrensweisen völlig in Einklang steht.
Aktuelle Ereignisse
Ende 2009 wurde über Zambonis Erkenntnisse im nationalen kanadischen Fernsehen berichtet. Dadurch wurde auf einen Schlag eine große Zahl an Betroffenen auf die Theorie aufmerksam. Es formierten sich Aktionsbündnisse von Patienten, zeitgleich erwuchs vor allem in der neurologischen Fachwelt erheblicher Widerstand. Dies hat dazu geführt, dass in verschiedenen Ländern mit der Behandlung völlig unterschiedlich umgegangen wird: Während die Behandlung und sogar die risikolose Diagnose (s.u.) in Kanada (als einzigem Land) den Ärzten verboten ist, bieten sie bspw. Serbien und Kuwait als Standardleistung innerhalb des Gesundheitssystems an. In Deutschland und vielen weiteren Ländern kann die Behandlung auf eigene Kosten durchgeführt werden lassen.
Bisherige Erkenntnisse zu Diagnose und Behandlung
Die Untersuchung kann auf verschiedene Arten erfolgen, die meist in Kombination eingesetzt werden: Eine technisch eher einfache, aber häufig im Ergebnis schwierig zu interpretierende Methode ist die Messung per Doppler-Ultraschallsonografie. Daneben besteht die Möglichkeit, die Venen durch ein spezielles Magnetresonanztomografie-Verfahren (SWI-MRT) sichtbar zu machen. Am präzisesten und somit Goldstandard in der Diagnose ist aber die Untersuchung per Katheter-Venogramm – da es sich um eine minimal-invasive Diagnosemethode handelt, wird sie meist erst angewendet, wenn andere Verfahren eine Indikation dazu ergeben. Insbesondere die Doppler-Sonografie der extrakraniellen Venen scheint dem Arzt nicht nur einiges an Fachwissen, sondern auch an Übung abzuverlangen. Das ist für medizinische Methoden aber nicht ungewöhnlich.
Die Behandlung wird auf zwei Arten durchgeführt: Entweder wird mit Hilfe eines Katheters ein kleiner Ballon in die betreffende Vene geschoben und dort aufgepumpt, um die Vene zu weiten. Vor allem wenn diese Methode keine Erfolge zeigt, kann auch ein Stent (dehnbares Metallgitter-Röhrchen) eingesetzt werden, um die Vene dauerhaft offen zu halten. Insbesondere die Ballon-Angioplastie birgt kaum Risiken, während der Einsatz von Stents umstritten ist, da bisher wenig Erkenntnisse zum Risikoprofil vorliegen. Dr. Zamboni bspw. lehnt den Einsatz von Stents ab.
Die Ergebnisse der Behandlungen sind unterschiedlich, mitunter jedoch geradezu erstaunlich. Patienten berichten von erheblichen Verbesserungen insbesondere der Ausdauer/Kraft und kognitiver Fähigkeiten. Auch von motorischen und sensorischen Verbesserungen wird berichtet. Ob diese Ergebnisse von Placebo-Effekten verursacht werden, wie Gegner der Behandlung immer wieder behaupten, muss die Forschung zeigen.
Organisationen und weitere Informationen
Ein mehrsprachiges Informationsportal zu CCSVI finden Sie unter csvi-ms.net . Diese von Laien organisierte Seite ist so umfassend, dass sie auch von den Medien immer wieder als Informationsquelle zitiert wird. Darüber hinaus beschäftigt sich die kanadische MS-Gesellschaft „Direct MS“ (direct-ms.org, englisch) und die amerikanische „CCSVI Alliance“ (ccsvi.org, englisch) näher mit CCSVI. Bis auf die deutschsprachigen (D, A, CH) halten zudem MS-Gesellschaften vieler Länder eigene Bereiche für CCSVI-Informationen auf ihrer Homepage bereit.
Dieser Text darf, auch (sinnwahrend) verändert und in Auszügen, frei verwendet werden.