CCSVI – Ein großer Durchbruch bei MS?

von Ashton Embry für das New Pathways Magazine. Nº 57. September/Oktober 2009 geschrieben

Im August erhielt ich eine Nachricht mit der Frage, was ich über CCSVI bei Multipler Sklerose denke. Ich hatte die gleiche Reaktion, welche wohl die meisten von Ihnen gehabt hätten, wenn Sie den Titel dieses Artikels lesen – "Was verdammt noch mal ist CCSVI?" Eine Suche bei Google ließ mich wissen, dass dies für "Chronisch zerebrospinale venöse Insuffizienz" steht und eine Suche bei PubMed führte mich zu einer Handvoll wissenschaftlicher Arbeiten über CCSVI, die alle von dem italienischen Gefäßchirurgen / Wissenschaftler Paolo Zamboni stammen.

Diese wissenschaftlichen Arbeiten lieferten solide und bewusstseinserweiternde Beweise dafür, dass ein völlig neuer Krankheitsprozess Teil der MS war. Es wurde schnell klar, dass das Konzept der CCSVI das Potenzial hatte alles komplett zu verändern, wie wir die MS sahen und wie wir diese behandeln.

Die italienischen Forscher entdeckten, dass bei Personen mit Multipler Sklerose, die Venen welche die wichtigsten Abflusswege des Blutes vom Gehirn hin zum Herzen waren, erheblich verengt oder sogar blockiert waren. Dazu gehörten die Vena jugularis, Venen entlang der Wirbelsäule und andere Venen, von welchen ich vorher noch nie gehört hatte, wie die Vena azygous.

Die Forscher hatten diese Probleme noch nie vorher bei Irgendjemand bemerkt. Deren technische Ausrüstung erlaubte es ihnen, den Blutfluss in den Venen zu studieren und ebenfalls, Aufnahmen von den Venen zu machen. Sie fanden heraus, dass alle Personen mit MS welche sie untersuchten, einen gestörten venösen Abfluss aus dem Gehirn hatten und dass dieses Problem das Phänomen des "Rückflusses" (Reflux) verursachte. Dies bedeutet, dass das venöse Blut zurück in Richtung Gehirn fließen würde, indem sich neue Bahnen rund um die blockierten und verengten Venen bildeten. Sie bezeichneten diesen geschwächten venösen Abfluss als CCSVI.

Im Unterkörper von vielen Menschen ist so ein fehlerhafter venöser Abfluss bestens bekannt (z.B. Krampfadern, etc). In einigen Fällen hat sich gezeigt, dass ein mangelhafter venöser Rückstrom im Unterkörper zu Eisen-Ablagerungen und einer damit verbundenen Entzündung führen kann. Darüber hinaus können Sklerosen und degenerativen Veränderungen mit der Entzündung einhergehen.

Im Wissen, dass mangelhafter Abfluss in den Venen Probleme im Unterkörper verursachen kann, lieferten Zamboni und seine Co-Autoren eine plausible Darlegung, dass der Rückstoss des Blutflusses der Venen zum Gehirn, zu Eisen-Ablagerungen und Entzündungen an der Blut-Hirn-Schranke (BBB) führt. Deutliche Eisenablagerungen in MS-Läsionen sind seit langem dokumentiert worden und es ist bestens bekannt, dass sich alle MS-Läsionen symmetrisch um eine Vene ausformen. Solche Merkmale von MS-Läsionen wurden vor Zamboni’s Entdeckungen niemals befriedigend erklärt.

In der MS-Literatur gibt es zwei entgegengesetzte Hypothesen, wie die Autoimmunität bei der MS entsteht. Die Populärste ist, dass Myelin-sensitive T-Zellen durch eine molekulare Mimikry, welche in der Kindheit durch einen Virus wie den EBV erworben wurde, aktiviert werden. Die Myelin-sensitiven T-Zellen überschreiten dann die BBB und führen eine Autoimmun-Attacke auf das Myelin aus.

Die andere Hypothese ist, dass das initiale Ereignis im MS-Krankheitsprozess ein Bruch der BBB ist und die somit daraus resultierende Freilegung des zentralen Nervensystem für das Immunsystem. Die Aufdeckung bisher verborgener Antigene, vorher vom Immunsystem nicht gesehen, führt dann zu einem Autoimmun-Angriff auf das Myelin.

Mit der Arbeit von Dr. Zamboni ist nunmehr offensichtlich, dass die zweite Hypothese der Bruch der BBB Folge gestörter venösen Abfluss, die beste Erklärung für die Einleitung von MS Autoimmunität ist. Unterstützend zu dieser fanden die Wissenschaftler heraus, dass von 109 untersuchte Personen mit MS, bei jedem einzelnen davon der venöse Abfluss beeinträchtigt war. Darüber hinaus hatte nicht ein Einziger der 177 Kontrollpersonen, eine Gruppe, inklusive Personen mit anderen neurologischen Krankheiten und gesunden Personen unterschiedlichen Alters, einen gestörten venösen Abfluss aus dem Gehirn. Solch eine 100%-ige Trennung von Menschen mit MS von der Kontrollgruppe, auf der Grundlage eines beeinträchtigten venösen Abflusses, lässt wenig Zweifel daran, dass dieser Mechanismus sehr wichtig bei der MS-Erkrankung ist.

Eine weitere wichtige Beobachtung gemacht von Zamboni’s Team ist, dass das Muster des Rückflusses, sprich, der spezifischen Weg welcher vom Blut genutzt wird um zurück in das Gehirn zu fließen, eine starke Korrelation zum Typ der MS zeigte. Personen mit PPMS hatten ein anderes Reflux-Muster, als diejenigen mit RRMS und SPMS. Außerdem gab das PPMS Reflux-Muster eine gute Erklärung dafür, warum diese Form der MS aggressiver und problematischer ist.

Die anderen überzeugenden Daten welche zeigen, dass die CCSVI ein wesentlicher Bestandteil einer MS ist, sind die Ergebnisse bei der angewendeten Behandlung, welche die venösen Abfluss Probleme verringert. Diese Behandlung wird „the liberation procedure” genannt. Die problematischen Venen werden zunächst durch Phlebographie identifiziert. Danach wird eine Ballondilatation vorgenommen, um die betroffenen Venen zu öffnen und in einigen Fällen werden Stents an Abschnitten eingesetzt, welche für die Ballondilatation nicht geeignet sind. Der Eingriff ist relativ non-invasiv und wird an einem Tag, unter örtlicher Betäubung im Krankenhaus durchgeführt. Der Zugang zu den Venen ist die linke Vena femoralis am Oberschenkel. Die gesamte Aufenthaltszeit im Krankenhaus beträgt in der Regel weniger als 6 Stunden und die Person hat für 24 Stunden einen Kompressionsverband zu tragen.

Dr. Zamboni hat die Ergebnisse der Anwendung der „liberation procedure“ bei 51 Patienten mit schubförmig-remittierender MS beschrieben. Achtzehn der Probanden mit einem akuten Schub, erhielten eine Notfallbehandlung und bei allen bildeten sich deren Symptome vollständig innerhalb von wenigen Stunden bis zu ein paar Tagen zurück. Die anderen Probanden hatten einen stark reduzierte jährliche Schubrate und vor allem, die Einzigen welche einen neuen Schub nach dem Eingriff bekamen waren diejenigen, welche wiederholt gestörte venöse Abflussprobleme hatten. Die Probanden berichteten auch von einer dramatische Verbesserung bei der chronischen Müdigkeit. Zusammenfassend wird ersichtlich, dass die Entlastung bei den venösen Abflussproblemen zu großen Verbesserungen der MS Symptome führt. Dies ist ein weiterer Beweis für die wichtige Rolle, welche die CCSVI bei der MS spielt.

Schlussendlich stellten die Forscher fest, dass da kein Unterschied in der Schwere der Venenabflussprobleme zwischen den Anwendern von MS Medikamenten und jenen ohne Medikamente war.

Da CCSVI erklärt, warum sich die PPMS von der RRMS unterscheidet, ebenfalls das Auftreten von bisher unerklärlichen Besonderheiten von MS-Läsionen (z. B. Venenzentrizität, Eisen-Ablagerungen), die CCSVI wird zu einer sehr überzeugenden Erklärung für den Auslöser von ZNS-Autoimmunität, welche die MS antreibt. Weitere Forschung ist nötig, um dies zu bestätigen.

Die wichtigste Frage die bleibt ist vielleicht: "Was ist die ultimative Ursache des venösen Abflussproblems?" Zamboni und Kollegen haben keine Erklärungen / Spekulationen zu diesem Thema angeboten. Hoffentlich wird diese Frage Gegenstand intensiver Forschungsanstrengungen sein. Es ist bemerkenswert, dass wenn in der Kindheit ausreichend Vitamin D gegeben wird, schützt dieses in den meisten Fällen vor MS, die Vitamin-D-Versorgung muss also eine spürbare Auswirkung auf das venöse Abflusssystem haben.

Dieses neue Verständnis des Krankheitsprozess bei MS macht den Einsatz der empfohlenen Ernährungsstrategien umso dringlicher. Diese Strategien fördern die Durchblutung, Stärkung der BBB, wirken Autoimmunreaktionen entgegen und verbessern möglicherweise venösen Abfluss aus dem Gehirn. Insgesamt bietet die Arbeit Zamboni’s weitere Einsichten darüber, warum Ernährungsstrategien für viele Menschen so gut funktionieren.

Als Antwort auf die Frage im Titel dieses Artikels, ich bin davon überzeugt, dass die CCSVI ein riesiger Durchbruch bei der MS ist. Eine Korrektur dieses Problems mit einem relativ einfachen Eingriff, kann sich als eine sehr effektive, dauerhafte, nicht-medikamentöse Behandlung bei MS, zum Zeitpunkt der Diagnose entpuppen.
Wie auch immer, es wird ein hohes Maß an Forschung und klinische Tests zu erfolgen haben, bevor die CCSVI allgemein als ein wichtiger Teil der MS und die „liberation procedure“ als Standard-Verfahren akzeptiert wird. In der Vergangenheit wurden nicht-medikamentöse Therapien für MS an den Rand gedrängt, vor allem aus finanziellen Gründen. Ich sage voraus, dass es ein langer, harter Kampf sein wird, um die Behandlung der CCSVI aus dem Labor heraus, in die Kliniken zu bekommen.

Quelle: ms-direct.org